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Das großartige und wichtige Buch von Jürgen Serke "Die verbrannten Dichter" las ich in den Siebziger Jahren in einem Atemzuge aus. Ich habe hierbei zum ersten Male von dem vergessenen Dichter Armin T. Wegner erfahren, und dabei auch zum ersten Mal von der tragischen Geschichte des armenischen Volkes gelesen. Werfels Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" war mir damals lediglich vom Titel her bekannt. Für mich als Deutschen der Nachkriegsgeneration war der unsägliche Begriff der Ausrottung untrennbar mit dem Verbrechen an den Juden verbunden. Als ein amerikanischer Kunstsammler mir vor zwei Jahren sehr eindringlich von der Geschichte der Armenier erzählte und mich zu einer künstlerischen Auseinandersetzung mit diesem Thema motivierte, stand mir plötzlich wieder die erschreckende Bilderklärung unter einem Foto in Serkes Dokumentation mit ihrem kursiven Schriftzug vor Augen. Sie ist mir auch wörtlich nie aus dem Gedächtnis entschwunden: "Die Vertreibung und Ausrottung der Armenier blieb ohne Folgen für die Mörder. Wegners Proteste verhallten". Die fotografierte Szene habe ich damals spontan mit dem Grauen in Auschwitz assoziiert. Das bräunliche Bild zeigt ermordete armenische Kinder. Es ist - wie ich dann erfahren hatte - eines der zahlreichen heimlich aufgenommen Fotos, mit denen Armin T.Wegner, der 1915 während des Ersten Weltkrieges als Sanitäter in der Türkei diente, den Genozid an den Armeniern unwiderlegbar dokumentiert hat. Schon vor einigen Jahren hatte ich mich mit einem historischen Thema malerisch beschäftigt: dem Widerstand Düsseldorfer Bürger gegen den Nazifaschismus. Daraus ist der Bilderzyklus "Gesichter im Widerstand" entstanden. Ich wollte die Menschen aus der Ästhetik der Gestapofotos befreien und sie mit einem Porträt ehren. Auch mit dem Bilderzyklus "Die Vergessenen" will ich Menschen stellvertretend für alle, die Opfer des Genozids geworden sind, ins Gedächtnis rufen und an ihr Schicksal erinnern. Ich musste aber ein anderes malerisches Konzept finden. Ich probierte vergeblich viele Ansätze aus. Je mehr ich über die Kultur und Geschichte der Armenier gelesen hatte, desto schwieriger wurde es für mich, wieder von vorne anzufangen und die tragischen Ereignisse in Bilder umzusetzen. Schließlich war die Dokumentation Wegners der Schlüssel zu einer bildnerischen Gesamtidee. Irgendwann war es mir dann klar: ich wollte herausfinden, welche Fotos von Wegner sich für ein solches anspruchvolles Projekt eignen könnten. Das mental Nächstliegende - meine Erinnerung an das Buch von Serke - habe ich erst ganz zuletzt verwertet. Das Schillerarchiv in Marbach stellte mir freundlicherweise einige Kopien der historisch und fotografisch bedeutenden Arbeit Wegners zur Verfügung. Daraus konnte ich Porträts, Gesichter entwickeln. Bilder, die Tote zeigen oder Grausamkeiten festhalten, kamen als Vorlage für mich nicht in Frage. Eine malerische Darstellung von Gräueln schied aus. Eben sowenig wollte ich auf der Leinwand das Foto getreu reproduzieren. Der Fotograf hat ein ganz anderes Interesse als ein Maler, der ein Foto in seinem Bild verarbeitet. Der Unterschied liegt im Medium und in dessen Botschaft. Das Foto ist ein historisches Dokument und erzählt das Geschehen und die Situation, in der es entstanden ist. Es hat den Anspruch Fakten zu schildern. Das Objektiv der Kamera, die ja immer einen Ausschnitt aus einer Totalen ausschneidet, lenkt den Blick auf das Ausgewählte. Es mag eine starke emotionale Wirkung auf den Betrachter erzielen. Aber es bleibt als Bild immer ein dokumentarisches Abbild. Der Fotograf kann sehr betroffen sein, er ist Zeuge der Situation und hat direkte Nähe zum historischen Ereignis. Das Foto bleibt ein Dokument, es bleibt an eine bestimmte Zeit gebunden. Der Betrachter des Fotos hat bei aller Betroffenheit einen zeitlichen Abstand zum Gezeigten. Der Dialog, den der Betrachter mit meinen Bildern führt, ist, meine ich, ein völlig anderer. Klar: sie enthalten einen stark dokumentarischen Anteil, da ich ja die Fotos von Armin T.Wegner im Atelier immer vor Augen hatte. Meine Idee: Das gemalte Bild zeigt das "Allgemeine" der Fotovorlage, holt es heraus und bringt es zum Vorschein. Das gemalte Bild steht in anderer, intensiverer Weise im Schnittpunkt der drei Zeitdimensionen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Meine Absicht: Der Betrachter wird an ein vergangenes Unrecht erinnert, er wird an ein vergleichbares in seiner Gegenwart erinnert, und er wird darauf gestoßen, dass sich das Dargestellte immer wieder wiederholen kann. Ich verfremde die Fotovorlagen nicht. Wer meine Bilder sieht, soll erkennen können, welche Fotos ich verarbeitet habe. Mir kommt es darauf an, das menschliche Antlitz zu zeigen, den Blick des Betrachters näher an das Gesicht der Gemalten heranzuführen.

Norbert Mauritius, November 2003
Mein Bilderzyklus "Die Vergessenen"
Norbert Mauritius
über sein Werk