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In dem Bilder-Zyklus "Gesichter im Widerstand" sucht MAURITIUS nach einem Ausdruck für das empathische Mit-Leiden am fremden Schicksal, das ihm in der Nüchternheit polizeilicher Ermittlungsakten eines Unrechtssystems entgegenblickte. Die Gesichter der Personen in den Akten werden in der Definition der Diktatur als "Täter" definiert, und auch ihr Widerstand gegen das Unrechtssystem wird in "Täter-Bildern", die dem Gewaltregime die Stirn boten und ihrem Schicksal entgegensahen, aufbewahrt. Erst eine nachträgliche historische Bewertung lässt sie zu Opfern des Regimes und zu den "stillen Helden" des Widerstands werden.
Den Plan zu diesem schwierigen und vielschichtigen Portraitzyklus hatte MAURITIUS schon seit langem gefasst, es bedurfte jedoch der fortgeschrittenen malerischen Erfahrung, um sich diesem komplexen Gegenstand mit der notwendigen Fähigkeit zur emotionalen Balance zuwenden zu können. Im Gegensatz zu den Musiker-Portraits begab sich der Maler nicht auf die Suche nach dem bildnerischen Ausdruck für die geniale, künstlerische Persönlichkeit, sondern beschäftigte sich hier mit dem unauffälligen "Menschen von nebenan" und seinem Schicksal als mehr oder weniger zufälliges Opfer eines diktatorischen Unrechtssystems.
So durchsuchte er in der Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte intensiv Akten und Dateien, um aus der großen Zahl der Opfer eine kleine Gruppe - fünf Frauen und fünf Männer - auszuwählen, mit deren Gesichtern er sich beschäftigen wollte. Die begrenzte Auswahl stellte sicher, dass die zu entwickelnden Portraits nicht in die Gefahr einer fließbandähnlichen Routine geraten, und die Geschlechterparität sollte zeigen, dass niemand davor geschätzt war, in jenem Unrechtsstaat zum Opfer zu werden. Die Auswahl traf der Künstler nach dem Zufallsprinzip, und so entstand ein Spektrum höchst unterschiedlicher Opfer-Biografien. Ausgangsmaterial für die Entwicklung der Portraits bilden die Fotos aus dem Polizeiarchiv, auf denen die Beschuldigten als Täter abgebildet werden mit den üblichen Aufnahmen im Profil, Frontalansicht und Halbprofil. MAURITIUS wählt ein relativ kleines Format (60 x 80 cm) als Bildträger und ordnet jedem Portraitierten drei Bilder zu, die den Ansichten der Fotos (Profil, Ansicht von Vorne und Halbprofil) folgen. Die Anonymisierung der Abgebildeten durch die brutale Routine des Polizeifotos wird allerdings unauffällig - fast möchte man sagen: subversiv durch die Malerei umgedeutet.
Auf den ersten Blick scheinen auch die gemalten Portraits den Spielregeln der amtlichen Erfassung einer Person zu folgen - so weisen sie einige Obereinstimmungen in ihrer formalen Erscheinung auf: der Maler hat sich zu einer gewagten und ungewöhnlichen Farbkombination entschlossen, ein grelles Gelb für den Rand, ein satt aufgetragenes, ins Türkis schwingende Hellgrün für den Hintergrund, ein ockeriges Beige durchsetzt mit dunkelroten Linien für die Gesichter und andere hautfarbene Partien sowie ein kräftiges, mit viel Schwarz abgedunkeltes, gelegentlich ins Violett streifende Purpurrot für die bekleideten Körperpartien. Diese Farbwahl ist voll spannender Kontraste und gleichzeitig "vitaler" Ausstrahlung, die sich vom Profilbild zum Halbprofilbild hin stufenweise verstärkt.
Die Gemälde gewinnen so deutlich an Lebendigkeit, was durch die Malweise ebenfalls betont wird: Hintergründe sind flach, matt und breitflächig aufgetragen, die Gesichter, Haare und Körperpartien mit kurzen, flammenden und züngelnden Pinselschwüngen in einem flachen Relief, ölig-glänzend aufgesetzt, was die Oberflächen belebt und den Bildern ihren besonderen Ausdruck verleiht.
Mit den malerischen Entscheidungen, denen sich der Künstler unterworfen hat, stellte er sich eine schwierige Aufgabe: nämlich innerhalb eines durch Farbwahl und gewisser formaler Vorgaben stark eingeschränkten Systems individuelle Bildfindungen zu entwickeln. Er hat sich somit unter einen äußeren Zwang gesetzt, nämlich ein bestimmtes Schema in jedem Bild zu realisieren und gleichwohl darin einen persönlichen Ausdruck für jedes Gesicht zu gestalten. Er hat sozusagen versucht, den individuellen Kampf einer Person gegen ein martialisches System um den Erhalt ihrer persönlichen Integrität und Würde malerisch nachzuvollziehen.
Aus den kurzen biografischen Angaben zu den Bildern lässt sich vergegenwärtigen, welche teilweise harmlosen Delikte, z.B. Flugblattverteilen oder aus spontaner Mitmenschlichkeit resultierende Verhaltensweisen, z.B. jüdische Nachbarn zu verstecken und mit Essen zu versorgen, Mitbürger zu Tätern im Sinne des Regimes machten. Dabei stellt sich eindringlich und durchaus auch in aktualisierter Perspektive, jedoch ohne historischen Relativismus, die Frage, welche Bedingungen Täter und Opfer hervorbringen und welchen zeit- und gesellschaftsbedingten Konditionen die Rollen von Täter und Opfer in subjektiver und objektiver Erfahrung und Interpretation unterliegen. Fast fünfzig Jahre rechtsstaatliche und demokratische Strukturen in Deutschland haben das Vertrauen der Bürger in das Funktionieren der Gewaltenteilung und die Unabhängigkeit und Integrität der Justiz gefestigt. Umso erschütternder wird immer wieder innerhalb unserer Erinnerungskultur anlässlich der jährlich wiederkehrenden Gedenktage aus Berichten und Dokumenten erlebbar, dass in jenen zwölf Jahren nationalsozialistischer Diktatur Richter selbst zu Tätern wurden und in einer grausamen Verkennung ihrer Dienstpflicht gegenüber einem Schreckensregime rassistische Gewalturteile über Menschen verhängten, die nach heutigen Maßstäben vielleicht eine bußgeldbedrohte Ordnungswidrigkeit begangen haben.
Am 1. Oktober 1946 wurden in Nürnberg die Urteile gegen zweiundzwanzig Hauptkriegsverbrecher gesprochen. Zwölf Todesurteile wurden gefällt und zwei Wochen später vollstreckt, sieben Angeklagte erhielten lange Freiheitsstrafen, drei wurden freigesprochen. Der Nürnberger Prozess vor einem aus Vertretern der Siegermächte bestehenden Militärgericht war ein Novum des Völkerrechts, der in der Absicht durchgeführt wurde, Anschläge gegen die Menschlichkeit im Namen der Opfer und im Auftrag der Weltgemeinschaft zu richten. Gleichzeitig war es der erste Versuch, den Deutschen durch diesen Prozess die Augen für jene Ereignisse zu öffnen, die unter ihren Augen geschehen und vor denen sie diese verschlossen hatten.
Diese Ebene wird auch von MAURITIUS mit seinen Bildern angesprochen, der als Nachkomme des Tätervolkes einen eigenen Zugang und Ausdruck für seinen Anteil an der geerbten Verantwortung für die Väterschuld sucht.
Deshalb sucht er nicht das prominente Opfer und den berechtigten Täter als Referenzebene der Einfühlung, sondern er gibt die Aufmerksamkeit dem Martyrium des unbedeutenden Zeitzeugen. Seine Bilder von den Opfern portraitieren den Mitmenschen und sind voll Mitgefühl für das Leiden an der Ungerechtigkeit.
Brigitte Hammer im Februar 1998
Das Antlitz des stillen Helden
Zu einem Werkzyklus von Norbert Mauritius